Mit 15 Franken kann ein Kind in Kambodscha während eines Monats die Schule besuchen. Ohne diese Hilfe müsste es wie seine Eltern betteln oder auf der Abfallhalde arbeiten.
19.11.2011 / 15:17:00 von André Affentranger
Videofilm über Kambodscha-Projekt:
Über die Projektarbeit unserer Partnerorganisation BSDA in Kambodscha gibt es ganz neu einen VIDEOFILM.
Projektbesuch bei BSDA in Kampong Cham, Kambodscha, im April 2011:
Es war ein Zufall, der zu dieser eindrücklichen Begegnung mit der 16-jährigen Chenda führte: Ich war mit dem Fahrrad durch einen ärmlichen Aussenbezirk von Kampong Cham, Kambodscha unterwegs, als sie während eines kurzen Stopps auf mich zukam. Sie sprach mich in sehr gutem Englisch an, was ich in diesem Viertel wirklich nicht erwartet hätte. Obwohl Englisch in Kambodscha sehr wichtig ist, um minimale Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu haben, beherrschen nur wenige Leute diese Sprache. Als mir nun Chenda – ihr Name bedeutet „Herz“ – mit einer unglaublichen Leichtigkeit ihre Lebensgeschichte erzählte, war ich zutiefst beeindruckt. Als eines von 5 Geschwistern in einer mittellosen Familie besuchte sie vor 6 Jahren einen Englischkurs. Dieser Kurs wurde kostenlos angeboten vom buddhistischen Mönch Vandong Thorn, dem jetzigen Geschäftsleiter des lokalen Hilfswerks BSDA, einer Partnerorganisation von EcoSolidar. Chenda besuchte den Kurs auch in den folgenden Jahren und studierte zu Hause fleissig weiter. Heute gibt sie selbst Englischunterricht und erarbeitet sich dadurch einen kleinen Verdienst. Ihre SchülerInnen sind 30 Kinder im Alter von 6-8 Jahren, alle aus demselben Bezirk wie sie selbst.
Eine andere Begegnung war jene mit Seang Hou. Er war gerade einmal 5 Jahre alt, als seine Eltern starben. Zusammen mit seinen Geschwistern zog er zu seiner Tante. Auch sie starb, noch bevor er die Grundschule abschliessen konnte. Von nun an musste sich Seang Hou um den Haushalt kümmern und zusammen mit seinen Geschwistern Geld fürs Ueberleben verdienen. So war er gezwungen, die Schule abzubrechen. BSDA wurde auf Seang Hous schwierige Situation aufmerksam und gab ihm eine Chance: Er bekam einen Ausbildungsplatz im Gastronomie-Lehrgang, den die Organisation für jugendliche SchulabbrecherInnen anbietet. Nach 6 Monaten Praktikum begann Seang Hou seine Ausbildung als Kellner und Koch und lernte parallel dazu Englisch. Er tat dies im Restaurant „Smile“, einem Lehrbetrieb von BSDA und beliebten Treffpunkt von Einheimischen und Touristen. „Ich fühle, dass sich die Situation meiner Familie stark verbessert hat; nicht nur wegen meines Lohns, sondern auch dank des Wissens, das ich erworben habe“, sagt Seang Hou. „Ich möchte später ein eigenes Restaurant eröffnen – ein Wunsch, von dem ich vor wenigen Jahren nicht einmal geträumt hätte“.
Lebensgeschichten wie die von Chenda und Seang Hou sind keine Seltenheit in Kampong Cham, der drittgrössten Stadt in Kambodscha. Ein Grossteil der Bevölkerung lebt am Existenzminimum. Kinder ohne oder mit nur einem Elternteil leiden ganz besonders. Sie leben in Slums unter grauenhaften Bedingungen und arbeiten um zu überleben. Deshalb hat sich eine Gruppe von buddhistischen Mönchen vor 6 Jahren dazu entschlossen, sich für diese Kinder und Jugendlichen einzusetzen. Sie haben die Hilfsorganisation BSDA gegründet, in der heute Angestellte und Freiwillige, Männer und Frauen, Buddhisten und Nicht-Buddhisten ihre Dienste anbieten.
An Kinder armer Familien werden kleine Schulstipendien vergeben, damit diese nicht auf der Strasse arbeiten müssen anstatt zur Schule zu gehen. Oder es werden jeden Abend kostenlos Englischkurse angeboten. Für den Besuch dieser Kurse strömen Kinder in grossen Gruppen auf ihren Fahrrädern in die Stadt – wie damals Chenda. Ausserdem bietet BSDA jugendlichen Schulaussteigern wie Seang Hou Ausbildungsplätze an, in denen sie Fähigkeiten erlernen, die ihnen später ein Grundeinkommen zur Existenzsicherung ermöglichen. Solche Ausbildungen gibt es im Nähen, Sticken, Weben, Kochen und Servieren; durchgeführt werden sie im „Kids Village“, wo stark gefährdete Kinder und Jugendliche auch vorübergehend wohnen können. Ein weiteres Angebot für die Kinder sind Kurse im Tempeltanz und in traditioneller Musik. Die Kinder sollen nicht „nur“ fürs Ueberleben weitergebildet werden, sondern auch für ein Leben in Würde. In diesen Kursen schöpfen sie Selbstbewusstsein, das sie für ihren zukünftigen Lebensweg stark macht. Und durch öffentliche Darbietungen vor Touristen und Einheimischen geben sie das kulturelle Erbe weiter und verdienen sogar ein kleines Taschengeld.
In den vergangenen 6 Jahren hat BSDA eine beachtliche Arbeit geleistet und sich als Organisation erfolgreich entwickelt. Mittlerweile nehmen 800 gefährdete Kinder und Jugendliche die unterschiedlichen Aus- und Weiterbildungskurse unserer Partnerorganisation in Anspruch. Weil der Bedarf an solchen Angeboten in Kampong Cham sehr gross ist, möchte BSDA das Projekt nun ausdehnen: zukünftig sollen noch mehr verarmte Kinder und Jugendliche in den Genuss von Bildung und Ausbildung kommen. Dazu möchte BSDA das „Kids Village“ ausbauen und zusätzliche Ausbildungsplätze schaffen.
EcoSolidar hat 2008 als erstes ausländisches Hilfswerk begonnen, mit BSDA zu arbeiten. Diese Zusammenarbeit ist heute mehr als zufriedenstellend. Die Organisation hat bewiesen, dass die Spendengelder wirklich den direkt Betroffenen zugutekommen. Deshalb will EcoSolidar den Ausbau des Hilfsprogramms unterstützen und sich zusammen mit BSDA für die Zukunft dieser Kinder und Jugendlichen einsetzen. Denn Eines steht fest, die Begegnung mit Chenda war zwar ein Zufall, ihre Geschichte hingegen nicht: So konkret die Umstände waren, die ihr eine Kindheit in Armut bescherten, so konkret sind die Gründe, die heute ihre Chancen für ein Leben in Würde erhöhen.
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