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Jugendseite: "Meine Familie ist die Strassenbande"

       

Magdalena aus Trinidad

   
   

Magdalena verwirrt mich in der ersten Gesprächsstunde. Sie kommt ohne Schuhe zu mir, weil sie von der Bande letzte Nacht beschlagnahmt wurden, damit Magdalena nicht auf nächtliche Streifzüge mitgehen konnte, denn sie war stark erkältet. Eigentlich war sie in die EcoSolidar-Gruppe gekommen, um der Strasse zu entfliehen. Nun aber erzählt sie mir spannendste Abenteuergeschichten und Krimis von der Gasse. Sie wirkt dermassen begeistert, als wolle sie mich für ihre Bande gewinnen. Sie erzählt mir vom Räubern in Banden, wie sie auf einem Platz ein Ständchen inszenieren und dabei den dicht gedrängt stehenden Zuschauern die Beute aus den Hosentaschen fingern. In der Bande sind die Aufgaben genau aufgeteilt. Die Jungen erbeuten und die Mädchen behüten die Beute. Schon zweimal wurde sie von der Polizei verhaftet, aber von der Gruppe wieder "freigekauft".
Sie idealisiert ihre Bande. Eine Führerschaft bestehe nicht und auch Leute, die die Gruppe hintergingen, blieben dabei. Aber die Grossen "kontrollierten" die Jüngeren, wie in einer grossen Familie. Nur Verräter würden ausgeschlossen. Dies seien aber nur Leute, die Raubtricks weiter erzählten. Nun will sie aber von der Gasse weg, weil es sehr kalt ist. Das ist wohl eine etwas dürftige Motivation.

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Als Magdalena von ihrer Familie und ihrem Werdegang zu erzählen beginnt, wird sie merklich traurig. Ihre Eltern haben ein Haus in Trinidad in Bolivien. Magdalena mag sich nur an das Haus und die Pflanzen erinnern. Auch die Tiere liebte sie sehr. Mit sechs Jahren wurde sie von den Eltern zu ihrer Halbschwester in La Paz gegeben. Ein Grund dafür ist auch nach längerer Zeit nicht auszumachen, denn sie spaltet klar: "Die Eltern sind gut - Die Schwester ist schlecht". Sie müsste folglich die Eltern belasten. Bei der Schwester und ihrem Mann arbeitete sie wie eine Hausangestellte und hütete die kleinen Kinder der beiden. Sie hielt es nicht lange aus und lief davon. Magdalenas Mutter lebt heute mit dem zweijährigen Neffen zusammen. Der Neffe ist Sohn von Magdalenas Schwester. Das Drama der Kindervergabe wiederholt sich also auf diese Weise.
In verschiedenen Familien konnte sich die kleine Magdalena mit Arbeiten im Haushalt verdingen. An eine Familie erinnerte sie sich ganz besonders. Sie habe dort ein behindertes Kind gehütet, das sie ganz innig liebte. Ganz traurig erzählte sie, dass es aber dann gestorben sei. Sie ging dann wieder weg und schloss sich der Strassenbande an.

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Ich treffe Magdalena ein halbes Jahr später wieder. Sie lebt zur Zeit wieder auf der Gasse und besucht die EcoSolidar-Gruppe sporadisch. Mit einem Mädchen und sieben Jungen bewohnt sie eine einen Meter hohe Plastikbehausung am Rande der Stadtautobahn. Erst kürzlich hatte sie "Flug" genommen, das heisst, sie schnüffelte Leimdämpfe. Ihr aktueller Freund schlief mit ihr in einem Notbunker, den die Stadt damals für die Strassenkinder zur Verfügung gestellt hatte. Nachher reichte er sie an seine Freunde weiter. Magdalena musste ins Spital, und die EcoSolidar-Gruppe kümmerte sich um sie und konfrontierte die Gruppe der Jungen mit ihren Forderungen. Magdalena selbst wollte sich aber mit der Vergewaltigung nicht auseinandersetzen, sprach kaum darüber und suchte kaum Kontakte zu anderen. Sie wollte vergessen und ging in eine andere Stadt, wie immer in solchen Fällen. Nun, zurück in La Paz, wollte sie wieder mehr mit der Gruppe zu tun haben.

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Beim nächsten Besuch hatte sich Magdalena an der Brust und im Gesicht Verbrennungen zugezogen, weil sich Benzindämpfe, die sie einatmen wollte, entzündeten. Nach einem Spitalaufenthalt wollte sie wirklich von der Strasse loskommen und besuchte die EcoSolidar-Gruppe regelmässig. Nun sah ich sie plötzlich auch fröhlich mit einem dreijährigen Kind. Und wie sich herausstellte, war es ihr eigenes Kind, und das Kind war behindert. Es hatte sich offenbar etwas getan bei Magdalena. Das Kind war nun nicht mehr von andern Leuten, wie früher erzählt, und auch nicht gestorben. Sie konnte nun zu ihm stehen und akzeptierte es.

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Zur Zeit allerdings ist Magdalena wieder einmal weggegangen. Ihr Kind lebt bei Verwandten. Aber Magdalena weiss, sie bleibt willkommen.

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