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Jugendseite: Sie will Sozialarbeiterin werden

       

Anna (19) hat die Matura geschafft

   
   

Anna war skeptisch bezüglich meines Interviews. Sie kommt aber zu früh und tritt bestimmt auf. Sie hat sich hübsch gemacht und trägt für einmal keine Kappe. Sie erzählt, dass sie seit acht Jahren auf der Gasse lebt. Sie kennt die Gasse. Sie hatte bei Familien geholfen, sie hat gestohlen, sie hat Drogen genommen, und zur Zeit arbeitet sie als Schuhputzerin. Dazu verkleidet sie sich so, dass niemand sie als Mädchen erkennen kann. Ihre Ausdrucksweise ist einmalig. Sie verwendet eine Gassensprache, bei der alle Dinge einen neuen Namen bekommen.
Sie erzählt frei und in schneller Folge, dass sie drei Jahre in Cochabamba gelebt hatte und da bei einem Mann namens "Papi Reinaldo" wohnte. Mit drei weiteren Mädchen zusammen wurde sie von ihm unterstützt. Tagsüber überlebten sie auf dem Markt mit Klauen und mit Dienstleistungen, abends schickte sie der "Papi" dann in die Abendschule. Nach La Paz kam sie, weil Papi Reinaldo sie zu einer Cousine schickte, bei der sie im Haushalt half und da auch eine höhere Schule besuchen konnte. So hat sie schliesslich sogar die Matura geschafft. Zur Zeit des ersten Interviews überlegt sie sich, ob sie wirklich an die Uni will. Sie schämt sich ihrer Kleider und ihrer Herkunft. Sie denkt, dass sie deshalb an der Uni nicht akzeptiert sein wird.

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In ihrem Leben fand sie aber immer wieder Beziehungspersonen, die ihr weiterhalfen. Sie konnte aber deren Erwartungen auf die Dauer nicht erfüllen, und sie stürzte dann wieder ab.
Von der Gasse hat sie auch einige Krankheiten. So sind ihre Lungen, Knochen und Nieren nicht besonders gut dran. Das kommt vom Schlafen unter freiem Himmel, von der Kälte.
In dieser ersten Stunde streift sie viele Themen nur kurz. So auch ihre Eltern. Sehr absolut sagt sie, dass für sie ihre Eltern tot seien. Sie seien Alkoholiker und hätten sie töten wollen. Der Stiefvater hätte sie auch "küssen" wollen. Als sie dies ihrer Mutter erzählte, wollte die Mutter nichts davon wissen. Die Mutter wollte ihren Freund, nicht aber die Tochter. Das war der Grund, der sie auf die Strasse trieb. Bei Papi Reinaldo kam sie auch mit religiösen Gedanken in Kontakt. Heute sagt sie aber "Gott existiert, aber hilft nicht".

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Ein paar Tage später kommt Anna in die zweite Interviewstunde. Sie kommt über eine Stunde zu spät. Bei ihr kommt auch Angst auf, geht es doch um schmerzliche Erinnerungen. Auch zu mir scheint sie ambivalent zu sein, denn sie ist traumatisiert. Aufgewühlt erzählt sie von ihrem Stiefvater, der ihr androhte, er wolle sie töten. Sie flüchtete damals aus dem Haus, und die Nachbarn halfen, die Situation einzurenken. Der Stiefvater war betrunken. Zu einer zweiten Begebenheit erklärt sie, wie ihr Stiefvater betrunken auf sie zukam, und sie sich auf seine Knie setzen musste. Sie beschreibt dramatisch, wie ihre kleinen Geschwister daneben schrien. Wie sie sich ausdrückt, musste sie dem Stiefvater mit den Händen gegen den Bauch trommeln. Am nächsten Morgen vertraute sie sich der Mutter an, die aber ihren Mann behalten und solches nicht mehr hören wollte. Von dem Moment an lebte Anna, seit sie acht war, auf der Strasse.
Ich frage bei diesem Thema bewusst nicht weiter nach, weil ich ja wieder weggehe. Was hier noch hätte aufbrechen können, hätte ich deswegen nicht aufzufangen vermögen. Die Inzestproblematik muss in Gruppen aufgearbeitet werden, die fachfraulich geleitet werden.

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Erschüttert hat mich dann auch der spätere Gesprächsverlauf, als Anna erwähnt, dass ihre grösste Angst die Begegnung mit der Mutter sei, wenn sie als Schuhputzerin arbeite. Es ist bereits einmal passiert. Die Mutter sah sie und sagte: "Du bist nicht mehr meine Tochter". Nachdem die Mutter sie verraten hatte und Anna seit elf Jahren auf der Strasse lebte, passierte dies.
Dem ersten Bruch in ihrem Leben folgten weitere. Mit neun Jahren hatte sie ihren ersten Freund, der fünfzehn war. Sie war ihm zwei Jahre lang Frau, und er war ihr Mann; in der sehr traditionellen Rollenverteilung. Sie beschreibt den Umgang mit ihrem Freund Franz als sehr zärtlich. Franz verliess sie aber, als sie elf war, und es folgten ungefähr zwanzig weitere Männer bis zu ihrem fünfzehnten Lebensjahr. Sie sagt, sie hätte Vergnügen gehabt. Nach einer Abtreibung mit vierzehn Jahren aber wollte sie allerdings ihre Sexualität nicht mehr ausleben. Mit fünfzehn erlebte sie dann eine vergewaltigungsähnliche Szene. Daraufhin wollte sie von Männern gar nichts mehr wissen.

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Anna hat immer wieder Glück im Unglück gehabt. Sie fand Leute, bei denen sie grosse Erwartungen wecken konnte. Diese wollten sie dann fördern. Auch mir erging es so. Obwohl Anna eine starke persönliche Ausstrahlung hatte, war aber klar, dass sie auch immer wieder zu "Abstürzen" neigt.

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Als ich sie nach einem halben Jahr wieder sehe, ist es für mich ein Rätsel, wie sie bei ihrer Lebensgeschichte den Willen aufbrachte, die Matura zu machen. Ich vermute zunächst, dass wenigstens ihre früheste Kindheit ihr Geborgenheit gab. Ich frage sie deshalb danach.
Anna erzählt mir darauf von ihren frühesten Erinnerungen aus Cochabamba. Sie lebte mit ihrem um vier Jahre älteren Bruder zusammen, der etwa neunjährig war. Die Mutter arbeitete als Coca-Händlerin und kam nur einmal in der Woche nach Hause. Die Besitzerin des Hauses, in dem sie wohnten, gab ihnen täglich eine Mahlzeit. Ansonsten lebten sie von Maisextrakt, das sie bei einer Chicheria fanden. Ihr Bruder lehrte sie lesen. Die Beziehung zu ihm muss sehr innig gewesen sein. Als die Mutter sich dann wieder mit Annas Vater zusammentat, nahm sie Anna mit. Der Bruder musste bleiben. Er ist heute auch auf der Strasse. Anna sucht ihn noch immer per Inserat. Sie erinnert sich gerne an ihn und an gemeinsames Früchte-Stehlen, an eine Ölverbrennung und an ein Geschenk, das er ihr gab. Er war ihr Beschützer. Der Bruder wurde aber vom Vater nicht anerkannt. Nachdem sie dann bei der Mutter lebte, erlebte sie den Wechsel zu verschiedenen Stiefvätern. Als Anna dann von ihrer Vereinsamung erzählte, weinte sie.

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Es scheint, dass es nicht viel Erfreuliches aus Annas Leben zu erzählen gibt. Und doch hatte sie immer wieder die Kraft, andern Mädchen auf der Gasse zu helfen. So half sie auch Magdalena nach der Vergewaltigung. Sie liess sich auch am "Nationalen Kongress der Mädchen der Strasse" in die Leiterinnen-Gruppe der Organisation wählen. Dort ist sie äusserst aktiv, fällt aber auch dann und wann aus, wenn sie sich überschätzt. Für die "Mädchen der Strasse" ist sie eine, die es geschafft hat. Sie geniesst hohe Anerkennung auch für ihre Lebenserfahrung. 1997 nun hat sie einen Schuhmacher geheiratet und studiert an der Universität Sozialarbeiterin. Daneben arbeitet sie bei einer anderen Institution teilzeitlich in der Verwaltung. Anna kommt nicht mehr für das "Begleitete Wohnen" in Chicani in Frage, steht heute aber EcoSolidar und den Mädchen mit Rat und Tat zur Seite. Wer weiss - vielleicht wird sie auch einmal bei uns arbeiten....

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