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Jugendseite: Sie will Sozialarbeiterin werden |
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Anna (19) hat die Matura geschafft |
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Anna war skeptisch bezüglich meines Interviews. Sie kommt aber zu früh und tritt bestimmt auf. Sie hat sich hübsch gemacht und trägt für einmal keine Kappe. Sie erzählt, dass sie seit acht Jahren auf der Gasse lebt. Sie kennt die Gasse. Sie hatte bei Familien geholfen, sie hat gestohlen, sie hat Drogen genommen, und zur Zeit arbeitet sie als Schuhputzerin. Dazu verkleidet sie sich so, dass niemand sie als Mädchen erkennen kann. Ihre Ausdrucksweise ist einmalig. Sie verwendet eine Gassensprache, bei der alle Dinge einen neuen Namen bekommen. |
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In ihrem Leben fand sie aber immer wieder Beziehungspersonen, die ihr weiterhalfen. Sie konnte aber deren Erwartungen auf die Dauer nicht erfüllen, und sie stürzte dann wieder ab. |
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Ein paar Tage später kommt Anna in die zweite Interviewstunde. Sie kommt über eine Stunde zu spät. Bei ihr kommt auch Angst auf, geht es doch um schmerzliche Erinnerungen. Auch zu mir scheint sie ambivalent zu sein, denn sie ist traumatisiert. Aufgewühlt erzählt sie von ihrem Stiefvater, der ihr androhte, er wolle sie töten. Sie flüchtete damals aus dem Haus, und die Nachbarn halfen, die Situation einzurenken. Der Stiefvater war betrunken. Zu einer zweiten Begebenheit erklärt sie, wie ihr Stiefvater betrunken auf sie zukam, und sie sich auf seine Knie setzen musste. Sie beschreibt dramatisch, wie ihre kleinen Geschwister daneben schrien. Wie sie sich ausdrückt, musste sie dem Stiefvater mit den Händen gegen den Bauch trommeln. Am nächsten Morgen vertraute sie sich der Mutter an, die aber ihren Mann behalten und solches nicht mehr hören wollte. Von dem Moment an lebte Anna, seit sie acht war, auf der Strasse. |
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Erschüttert hat mich dann auch der spätere Gesprächsverlauf, als Anna erwähnt, dass ihre grösste Angst die Begegnung mit der Mutter sei, wenn sie als Schuhputzerin arbeite. Es ist bereits einmal passiert. Die Mutter sah sie und sagte: "Du bist nicht mehr meine Tochter". Nachdem die Mutter sie verraten hatte und Anna seit elf Jahren auf der Strasse lebte, passierte dies. |
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Anna hat immer wieder Glück im Unglück gehabt. Sie fand Leute, bei denen sie grosse Erwartungen wecken konnte. Diese wollten sie dann fördern. Auch mir erging es so. Obwohl Anna eine starke persönliche Ausstrahlung hatte, war aber klar, dass sie auch immer wieder zu "Abstürzen" neigt. |
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Als ich sie nach einem halben Jahr wieder sehe, ist es für mich ein Rätsel, wie sie bei ihrer Lebensgeschichte den Willen aufbrachte, die Matura zu machen. Ich vermute zunächst, dass wenigstens ihre früheste Kindheit ihr Geborgenheit gab. Ich frage sie deshalb danach. |
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Es scheint, dass es nicht viel Erfreuliches aus Annas Leben zu erzählen gibt. Und doch hatte sie immer wieder die Kraft, andern Mädchen auf der Gasse zu helfen. So half sie auch Magdalena nach der Vergewaltigung. Sie liess sich auch am "Nationalen Kongress der Mädchen der Strasse" in die Leiterinnen-Gruppe der Organisation wählen. Dort ist sie äusserst aktiv, fällt aber auch dann und wann aus, wenn sie sich überschätzt. Für die "Mädchen der Strasse" ist sie eine, die es geschafft hat. Sie geniesst hohe Anerkennung auch für ihre Lebenserfahrung. 1997 nun hat sie einen Schuhmacher geheiratet und studiert an der Universität Sozialarbeiterin. Daneben arbeitet sie bei einer anderen Institution teilzeitlich in der Verwaltung. Anna kommt nicht mehr für das "Begleitete Wohnen" in Chicani in Frage, steht heute aber EcoSolidar und den Mädchen mit Rat und Tat zur Seite. Wer weiss - vielleicht wird sie auch einmal bei uns arbeiten.... |
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